Probiotika: Stämme, Auswahl, Anwendung
Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge aufgenommen einen gesundheitlichen Nutzen haben sollen. Es ist der Bereich dieser Seite mit der belastbarsten Forschung – und gleichzeitig einer, in dem die Werbung die Ergebnisse regelmäßig überdehnt.
Was Probiotika sind – und was nicht
Ein Probiotikum ist definiert als lebender Mikroorganismus, der in ausreichender Menge zugeführt einen gesundheitlichen Nutzen hat. Zwei Teile dieser Definition werden häufig übersehen: „lebend” – die Keime müssen die Passage durch den Magen überstehen – und „in ausreichender Menge”, also in der Dosis, für die etwas gezeigt wurde.
Verwendet werden vor allem Milchsäurebakterien aus den Gattungen Lactobacillus und Bifidobacterium, außerdem die Hefe Saccharomyces boulardii und einige weitere Arten. Präbiotika sind etwas anderes: unverdauliche Ballaststoffe, die den vorhandenen Bakterien als Nahrung dienen.
Wo die Forschung tatsächlich steht
Für einzelne, gut definierte Situationen ist die Datenlage vergleichsweise gut. Am belastbarsten untersucht ist die Vorbeugung von Durchfall im Zusammenhang mit Antibiotikatherapie; hier zeigen Übersichtsarbeiten für bestimmte Stämme konsistente Effekte. Auch beim Reizdarmsyndrom finden sich in Leitlinien differenzierte Aussagen zu einzelnen Stämmen.
Was daraus nicht folgt: dass Probiotika allgemein „die Darmflora sanieren”, das Immunsystem stärken oder beim Abnehmen helfen. Solche Aussagen sind in der EU als Health Claims nicht zugelassen, weil die Belege dafür nicht ausreichten. Genau deshalb steht auf Packungen meist nur ein sehr allgemeiner Satz.
Zum Einordnen: Die stammspezifische Wirkung ist der Grund, warum Preisvergleiche über Keimzahlen in die Irre führen. Ein günstiges Präparat mit 20 Milliarden Keimen eines nicht untersuchten Stammes ist nicht besser als ein teureres mit 5 Milliarden eines Stammes, für den Daten vorliegen.
Was auf der Packung stehen sollte
- Vollständige Stammbezeichnung, also Gattung, Art und Stammkennung – nicht nur „Lactobacillus”.
- Keimzahl bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum, nicht nur zur Herstellung.
- Lagerhinweise. Manche Zubereitungen brauchen Kühlung, andere sind gefriergetrocknet stabil.
- Einnahmehinweise. Zeitlicher Abstand zur Antibiotikaeinnahme, wenn beides zusammen verwendet wird.
Häufige Fragen
Wirken alle Probiotika gleich?
Nein, und das ist der zentrale Punkt. Effekte sind stammspezifisch: Was für einen bestimmten Bakterienstamm in einer bestimmten Situation gezeigt wurde, gilt nicht für andere Stämme derselben Art. Deshalb ist die genaue Stammbezeichnung auf der Packung die wichtigste Information.
Wie viele Keime muss ein Präparat enthalten?
Angaben in Milliarden koloniebildenden Einheiten pro Dosis sind üblich. Mehr ist nicht automatisch besser – entscheidend ist, welche Dosis für den jeweiligen Stamm untersucht wurde und ob die Keimzahl bis zum Ende der Haltbarkeit garantiert wird, nicht nur zum Zeitpunkt der Herstellung.
Sind Probiotika für jeden unbedenklich?
Für gesunde Menschen gelten sie als gut verträglich. Bei stark geschwächtem Immunsystem, nach Organtransplantationen, bei zentralen Venenkathetern und bei Schwerkranken ist Vorsicht geboten – hier sind Infektionen durch die zugeführten Keime beschrieben. In solchen Situationen gehört die Entscheidung in ärztliche Hände.
Quellen
- Cochrane-Übersichtsarbeiten zu Probiotika bei antibiotikaassoziierter Diarrhö
- Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: Bewertungen von Health Claims zu Probiotika
- Fachgesellschaftliche Leitlinien zu Reizdarmsyndrom und Darmflora
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