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Probiotika: Stämme, Auswahl, Anwendung

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die in ausreichender Menge aufgenommen einen gesundheitlichen Nutzen haben sollen. Es ist der Bereich dieser Seite mit der belastbarsten Forschung – und gleichzeitig einer, in dem die Werbung die Ergebnisse regelmäßig überdehnt.

Redaktion homotox.de · Stand:

Redaktionell erstellt anhand offengelegter Quellen, ohne medizinische Fachprüfung. Informationen ohne Heilversprechen, kein Ersatz für ärztlichen Rat.

Was Probiotika sind – und was nicht

Ein Probiotikum ist definiert als lebender Mikroorganismus, der in ausreichender Menge zugeführt einen gesundheitlichen Nutzen hat. Zwei Teile dieser Definition werden häufig übersehen: „lebend” – die Keime müssen die Passage durch den Magen überstehen – und „in ausreichender Menge”, also in der Dosis, für die etwas gezeigt wurde.

Verwendet werden vor allem Milchsäurebakterien aus den Gattungen Lactobacillus und Bifidobacterium, außerdem die Hefe Saccharomyces boulardii und einige weitere Arten. Präbiotika sind etwas anderes: unverdauliche Ballaststoffe, die den vorhandenen Bakterien im menschlichen Darm als Nahrung dienen. Inulin aus Chicorée ist das bekannteste Beispiel, daneben stehen Oligofructose und resistente Stärke. Kombinationspräparate aus beidem werden als Synbiotika verkauft.

Die dritte Kategorie, die inzwischen beworben wird, sind Postbiotika: abgetötete Keime oder deren Stoffwechselprodukte. Sie fallen definitionsgemäß nicht unter Probiotika, weil das Merkmal „lebend” fehlt.

Darmflora, Mikrobiom, Darmbakterien – die Begriffe

Die Gesamtheit der Mikroorganismen im Verdauungstrakt heißt Darmflora oder, moderner und weiter gefasst, Mikrobiom. Diese Darmbakterien zerlegen Ballaststoffe, die der Mensch selbst nicht verdauen kann, und bilden dabei kurzkettige Fettsäuren, die die Zellen der Darmschleimhaut versorgen. Sie beteiligen sich an der Bildung einzelner Vitamine, vor allem aus der B-Gruppe und Vitamin K, und sie besetzen ökologische Nischen, die sonst Krankheitserregern offenstünden. Für die Darmgesundheit ist diese Besetzung der wichtigste Einzelbeitrag.

Aus diesem Zusammenhang stammt die Formel, eine gesunde Darmflora stärke das Immunsystem. Der Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Immunsystem ist real und gut untersucht. Der Schritt, der in der Werbung regelmäßig übersprungen wird, ist ein anderer: Aus „das Mikrobiom ist wichtig für das Immunsystem” folgt nicht, dass ein gekauftes Präparat mit ausgewählten Bakterienstämmen dieses Mikrobiom in eine messbar bessere Verfassung bringt.

Wo die Forschung tatsächlich steht

Für einzelne, gut definierte Situationen ist die Datenlage vergleichsweise gut. Am belastbarsten untersucht ist die Vorbeugung von Durchfall im Zusammenhang mit einer Antibiotikatherapie; hier zeigen Übersichtsarbeiten für bestimmte Stämme konsistente Effekte. Auch beim Reizdarmsyndrom finden sich in Leitlinien differenzierte Aussagen zu einzelnen Stämmen, ebenso bei Colitis ulcerosa für eine bestimmte Mehrstammzubereitung im Rahmen der Remissionserhaltung.

Was daraus nicht folgt: dass Probiotika allgemein „die Darmflora sanieren”, das Immunsystem stärken oder beim Abnehmen helfen. Solche Aussagen sind in der EU als Health Claims nicht zugelassen, weil die Belege dafür nicht ausreichten. Genau deshalb steht auf Packungen meist nur ein sehr allgemeiner Satz – und deshalb darf das Wort „probiotisch” auf Lebensmitteln in der EU nicht als Wirkaussage verwendet werden.

Zum Einordnen: Die stammspezifische Wirkung ist der Grund, warum Preisvergleiche über Keimzahlen in die Irre führen. Ein günstiges Präparat mit 20 Milliarden Keimen eines nicht untersuchten Stammes ist nicht besser als ein teureres mit 5 Milliarden eines Stammes, für den Daten vorliegen.

Bakterienstämme und was sie unterscheidet

Eine vollständige Bezeichnung besteht aus drei Teilen: Gattung, Art und Stammkennung, also etwa Lactobacillus rhamnosus GG oder Bifidobacterium longum mit angehängtem Kürzel. Nur der dritte Teil identifiziert das, wofür Studien vorliegen. Steht auf einer Packung lediglich „Lactobacillus”, ist damit über die untersuchte Wirkung nichts gesagt.

Grob lassen sich die üblichen Gruppen so einordnen:

  • Lactobacillus-Arten sind die am breitesten untersuchte Gruppe der Milchsäurebakterien, mit Schwerpunkt auf Durchfallgeschehen und Reizdarmbeschwerden.
  • Bifidobakterien siedeln vor allem im Dickdarm und werden häufig in Kombinationspräparaten eingesetzt.
  • Saccharomyces boulardii ist keine Bakterie, sondern eine Hefe. Sie wird von Antibiotika nicht angegriffen, was sie für die Begleitung einer Antibiotikatherapie interessant macht.
  • Mehrstammpräparate kombinieren mehrere Bakterienstämme. Ob die Kombination besser wirkt als ein Einzelstamm, ist selten geprüft – die Studie gilt jeweils für die konkrete Zubereitung.

Probiotische Lebensmittel statt Präparat

Die Zufuhr aus fermentierten Lebensmitteln liefert lebende Keime auf natürlichem Weg: Joghurt mit lebenden Kulturen, Kefir, rohes, nicht pasteurisiertes Sauerkraut, Kimchi, einzelne Käsesorten. Die Keimzahlen liegen in der Regel niedriger als in Präparaten und die enthaltenen Stämme sind meist nicht deklariert – dafür kommen Eiweiß, Vitamine und weitere Nährstoffe mit, und die Kosten sind ein Bruchteil. Wer den probiotischen Effekt sucht, findet ihn hier zuerst.

Für die Ernährung interessanter als die Zufuhr von außen ist oft die Fütterung dessen, was ohnehin da ist. Ballaststoffreiche Kost mit Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorn wirkt auf die Zusammensetzung der Darmflora nachweislich ein. Wer über Wochen die Ballaststoffzufuhr erhöht, verändert sein Mikrobiom messbar – ein Effekt, den kein einzelnes Nahrungsergänzungsmittel in dieser Breite erreicht.

Einnahme: Dosis, Zeitpunkt, Dauer

Die Dosis richtet sich nach dem Präparat, nicht nach einer allgemeinen Regel. Übliche Angaben liegen zwischen einer und mehreren Milliarden koloniebildenden Einheiten pro Tag. Maßgeblich ist, was für den jeweiligen Stamm untersucht wurde.

Zum Zeitpunkt: Viele Hersteller empfehlen die Einnahme zu oder kurz vor einer Mahlzeit, weil der Magen dann weniger sauer ist. Wird parallel ein Antibiotikum genommen, ist zeitlicher Abstand von mehreren Stunden üblich – außer bei der Hefe, die davon nicht betroffen ist. Die Einnahme wird meist über das Ende der Antibiotikatherapie hinaus fortgeführt.

Zur Dauer gibt es keine belastbare allgemeine Vorgabe. In Studien werden je nach Fragestellung Zeiträume von zwei bis acht Wochen untersucht. Tritt in dieser Zeit keine Veränderung der Beschwerden ein, ist die Fortsetzung schwer zu begründen. Nach dem Absetzen verschwinden die zugeführten Keime in der Regel binnen weniger Wochen wieder aus dem Stuhl – eine dauerhafte Ansiedlung ist die Ausnahme.

Nebenwirkungen und wer vorsichtig sein sollte

Bei Gesunden sind Blähungen und ein Völlegefühl in den ersten Tagen die häufigsten Beobachtungen; sie geben sich meist von selbst. Bei Verstopfung können ballaststoffhaltige Kombipräparate den Effekt zunächst verstärken, wenn zu wenig getrunken wird.

Ernster ist die Lage bei stark geschwächter Abwehr. Beschrieben sind Infektionen durch die zugeführten Mikroorganismen bei Schwerkranken, nach Organtransplantation, bei zentralen Venenkathetern und bei Frühgeborenen. Auch bei Kurzdarmsyndrom und bei akuter Pankreatitis ist Zurückhaltung angezeigt. Wer eine dieser Konstellationen hat, entscheidet das nicht allein.

Ein weiterer Punkt betrifft die Verträglichkeit: Manche Präparate enthalten Milchbestandteile, Lactose oder Histamin aus dem Fermentationsprozess. Bei Diabetes mellitus lohnt der Blick auf Zuckerzusätze in Pulvern und Trinkfläschchen. Für Veganismus relevant: Kapselhüllen aus Gelatine und Trägerstoffe auf Milchbasis sind verbreitet.

Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel

Der rechtliche Status entscheidet darüber, was ein Hersteller behaupten darf und was geprüft wurde. Die meisten Produkte im Handel sind Nahrungsergänzungsmittel: Sie müssen sicher sein, aber keinen Wirksamkeitsnachweis erbringen. Einzelne Zubereitungen sind als Arzneimittel zugelassen, mit einem konkreten Anwendungsgebiet in der Fachinformation – das ist die Ausnahme und steht dann auf der Packung.

Bei Nahrungsergänzungsmitteln lohnt daher der Blick auf die Deklaration statt auf die Werbung. Sinnvoll prüfbar sind: vollständige Stammbezeichnung, Keimzahl garantiert bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum, Lagerhinweise – manche Zubereitungen brauchen Kühlung, andere sind gefriergetrocknet stabil – und Einnahmehinweise inklusive Abstand zur Antibiotikaeinnahme.

Zum Einordnen: Ein Ungleichgewicht der Darmflora, in der Werbung meist Dysbiose genannt, ist kein diagnostizierter Befund, sondern eine Beschreibung. Es gibt keinen etablierten Grenzwert, ab dem eine Darmflora als gestört gilt. Stuhltests, die eine solche Diagnose versprechen, sind entsprechend zurückhaltend zu lesen.

Wann ärztlich abklären

Probiotika sind für Befindlichkeiten gedacht, nicht für Warnzeichen. Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, anhaltendes Fieber, nächtlicher Durchfall oder eine neu aufgetretene, dauerhafte Änderung der Stuhlgewohnheiten gehören abgeklärt, bevor irgendein Präparat zum Einsatz kommt. Das gilt auch dann, wenn die Verdauung sich unter der Einnahme kurzfristig bessert: Ein gelindertes Symptom ersetzt keine Diagnose.

Häufige Fragen

Wirken alle Probiotika gleich?

Nein, und das ist der zentrale Punkt. Effekte sind stammspezifisch: Was für einen bestimmten Bakterienstamm in einer bestimmten Situation gezeigt wurde, gilt nicht für andere Stämme derselben Art. Deshalb ist die genaue Stammbezeichnung auf der Packung die wichtigste Information.

Wie viele Keime muss ein Präparat enthalten?

Angaben in Milliarden koloniebildenden Einheiten pro Dosis sind üblich. Mehr ist nicht automatisch besser – entscheidend ist, welche Dosis für den jeweiligen Stamm untersucht wurde und ob die Keimzahl bis zum Ende der Haltbarkeit garantiert wird, nicht nur zum Zeitpunkt der Herstellung.

Wann ist es sinnvoll, Probiotika zu nehmen?

Am ehesten in klar umrissenen Situationen: begleitend zu einer Antibiotikatherapie, bei bestimmten Formen von Reizdarmbeschwerden und in einzelnen weiteren Konstellationen, für die Daten zu konkreten Stämmen vorliegen. Als Dauereinnahme ohne Anlass ist der Nutzen nicht belegt.

Welches Probiotikum nach einem Antibiotikum?

In Übersichtsarbeiten am häufigsten untersucht sind die Hefe Saccharomyces boulardii sowie einzelne Lactobacillus-Stämme. Entscheidend ist die vollständige Stammbezeichnung, nicht die Gattung. Beides wird üblicherweise mit zeitlichem Abstand zur Antibiotikagabe eingenommen und über die Therapie hinaus fortgeführt.

Welche Lebensmittel enthalten viele Probiotika?

Fermentierte Lebensmittel: Joghurt mit lebenden Kulturen, Kefir, rohes Sauerkraut, Kimchi und einige Käsesorten. Erhitzte oder pasteurisierte Varianten enthalten keine lebenden Keime mehr. Die Keimzahlen liegen meist unter denen von Präparaten, dafür kommen Nährstoffe mit.

Sind Probiotika für jeden unbedenklich?

Für gesunde Menschen gelten sie als gut verträglich. Bei stark geschwächtem Immunsystem, nach Organtransplantationen, bei zentralen Venenkathetern und bei Schwerkranken ist Vorsicht geboten – hier sind Infektionen durch die zugeführten Keime beschrieben. In solchen Situationen gehört die Entscheidung in ärztliche Hände.

Quellen

  • Cochrane-Übersichtsarbeiten zu Probiotika bei antibiotikaassoziierter Diarrhö
  • Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: Bewertungen von Health Claims zu Probiotika
  • Fachgesellschaftliche Leitlinien zu Reizdarmsyndrom und Darmflora
  • Weltgesundheitsorganisation und Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation: Definition und Bewertung von Probiotika in Lebensmitteln

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